„Der verträgt sich nicht mit Rüden“

… da wird er aggressiv.

Ghandi war bereits 12 als ich ihn kennenlernen durfte. An einem Nachmittag rief mich seine Besitzerin an, da sie für ihren Hund eine  Tagesbetreuung brauche. Verträglich mit Rüden sei er aber nicht. Das habe zuvor noch nie funktioniert und daher habe sie auch keine Betreuung für Ghandi gefunden.

Ich höre meinen Kunden immer zu, vertraue ihren Bewertungen aber zunächst nicht. Ich lud sie ein, mich einfach einmal zu besuchen. Grundsätzlich lehne ich, ohne die Hunde persönlich kennengelernt zu haben, keinen Hund ab. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Hund es verdient hat, sich für ihn Zeit zu nehmen und ihm eine Chance zu geben. Unvoreingenommen und frei von der Bewertung der Besitzer sehen Opa und ich uns alle Hunde an – und versuchen, sie zu verstehen. So auch bei Ghandi.

Meine Methoden beruhen selten auf Handbüchern. Meistens beruhen sie auf Opa. Opa ist mein alter russischer Terrier – und meine rechte Hand. Oder ich seine. Vielleicht kommt es auf die Art und Weise der Betrachtung an.

Ich bat die Halterin also, einfach ein paar Meter mit ihrem Rüden spazieren zugehen und sagte ihr auch, dass ich mit Opa folgen würde. Sie solle sich einfach entspannen.

Oft entstehen Probleme in meinen Gruppen nicht durch die Hunde – sondern durch die Nervosität der beteiligten Personen. Ich bitte meine Kunden immer um den Versuch, sich zu entspannen. Zumindest, soweit das möglich ist.

In den meisten Fällen haben sie viele negative Begegnungen, die sie in die neue Situation bei unserem ersten Treffen übertragen. Sie meinen zu wissen, wie sich ihr Hund verhalten wird, aufgrund früherer Erfahrungswerte. Und die Verblüffung entsteht dann, wenn sich ihre Hunde eben doch ganz anders verhalten. So, wie bei Ghandi.

Sie ging also ein paar Meter mit ihrem Hund spazieren. Opa und ich folgten. Wir gingen so, versetzt hintereinander, einfach nur vor uns her. Und plötzlich standen Opa und ich neben ihr – ganz unbemerkt. Denn Ghandi war entspannt. Opa hatte ihm, ohne auch nur einen Laut, schnell zu verstehen gegeben, welche Verhaltensweisen er akzeptiert und welche nicht. Ich weiß, ich wäre in meiner Arbeit ohne Opa auch nur halb so erfolgreich.

Ghandi hatte Opa neben sich akzeptiert. Und dann passierte das, was seine Besitzerin wohl nicht für möglich gehalten hätte: Ghandi wollte sogar mit Opa eine Runde spielen.

Opa und ich entschieden dann, dass es für heute genug gewesen sei. Und ich lud sie ein, ihren Hund beim nächsten Mal in meine Gruppe zu integrieren.

Es vergingen ein paar Tage bis Ghandi uns besuchte. Er trug zunächst einen Maulkorb. Ich bat die Besitzerin ein paar Meter Abstand zu nehmen und nahm ihr die Leine aus der Hand. Vorab hatte ich die Hunde nach Gefühl ein wenig selektiert und auf dem Gelände abgeteilt um Ghandi zunächst nicht zu überfordern. Opa behielt ich aber stets an meiner Seite. Die beiden Rüden erkannten sich auch sogleich und ich stellte unserem Neuankömmling die ersten Hunde vor. Ghandi mag zwar unsicher gewesen sein, von Aggression war sein Verhalten aber weit entfernt. Er tat, was jeder normale Hund tun würde: Er begrüßte die Hunde und erforschte das Umfeld. Ich entschloss nach wenigen Minuten, auch die anderen Hunde einzubeziehen und öffnete das Gatter. An der Leine erkundete ich mit Ghandi das Gelände und gab ihm zu verstehen, dass er sich nicht sorgen müsse. Opa und ich – wir würden für ihn sorgen. Und Ghandi begriff sehr schnell. Instinktiv entfernte ich den Maulkorb und die Leine. Ich nahm ein paar Meter Abstand und tat das, was mich immer zum Erfolg führte:

Ich ließ Ghandi Hund sein.

Opa beobachtete Ghandi weiterhin. Ich habe ein unerschütterliches Vertrauen in meinen Hund und ich weiß, dass ich mich zu jeder Zeit auf ihn verlassen kann.

Ich sprach in der Zwischenzeit mit der Besitzerin. Diese staunte nur verwundert über meine Worte: „Ich sehe überhaupt kein Problem darin, ihn zu betreuen“.

Das hatte sie noch nie zuvor gehört.

Und so fand Ghandi, nach 12 langen Jahren, seine erste Tagesbetreuung.

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