Die Hundegruppe und ihre Individuen

„Die Hundegruppe“ sind bei uns maximal 20 Hunde zeitgleich. Dabei findet mittags ein Wechsel statt: Vormittagshunde gehen, Nachmittagshunde kommen dazu. Obgleich natürlich jeder Hund einzigartig und in seinem Charakter natürlich ein Individuum darstellt, lässt sich die Gruppe aber grob unterteilen nach unterschiedlichen Typen. Um euch einen kleinen Einblick zu geben, möchten wir euch ein paar der Gruppen vorstellen:

Die „Jungen“ Wilden

Die Jungen Wilden sind oft Hunde, die noch zu den Junghunden gehören oder im Charakter Junghund geblieben sind. Man erkennt sie daran, dass sie nahezu wahllos ihre Spielgefährten auswählen. Dabei ist es vollkommen egal, wer zu bestimmten Tagen anwesend ist. Diese Hunde finden immer jemanden, der ihrem unbändigen Bewegungsdrang folgt und mit ihnen tobt. Es sind die fröhlichen Sonnengemüter, die sofort bei ihrer Ankunft nur eines im Sinn haben: Blödsinn. Rennen, toben, spielen. Es kommt kaum zu so etwas wie „aufwärmen“ oder „anschnuppern“ – es geht sofort los! Uns stellt dieser Typ vor die Herausforderung, ihnen dabei zu helfen, die „richtigen“ Spielgefährten auszusuchen. Andere Typen möchten nicht rabaukenartig angerempelt und zum Spielen aufgefordert werden. Um anderen Hunden, denen das zu wild ist den Stress zu ersparen, versuchen wir, die Jungen Wilden untereinander zum Spiele zu animieren. Einmal im Flow, funktioniert das in der Regel recht gut. Dabei achten wir darauf, dass das Spiel sich häufig genug „dreht“ – was bedeutet, mal jagt der eine, mal der andere. Kein Hund darf beim Spiel untergehen, sich überrumpelt oder eingeengt fühlen. Auch achten wir auf die Größenverhältnisse, wobei hier der Charakter des Hundes entscheidend ist. Die sehr zierliche, kleine Pebbles spielt am allerliebsten mit unserer riesigen Dina. Bei diesen beiden geschieht genau das, was wir so gerne sehen möchten: Trotz einem enormen Größenunterschied spielen sie auf Augenhöhe. Es gibt aber auch kleine Hunde, die deutlich sensibler sind! Und diesen kann das Spiel mit den Großen zu viel werden. Feingefühl, Beobachtung und Einlenken, wo es nötig ist, helfen einem harmonischen Spiel. Die Jungen Wilden untereinander zu beobachten ist eine reine Freude! Sie immer mal wieder zur Ruhe zu überreden stellt uns ab und an vor eine echte Herausforderung, irgendwann brauchen sie aber alle ihre Pausen.

Die „Alten“ Hasen

Dem gegenüber stehen die souveränen, etwas älteren Hunde. Diese lassen sich durchaus zum Spiel animieren! Sie wählen ihre Partner aber mit deutlich mehr Sorgfalt aus, prüfen, mit wem sie ihr Spiel verbringen möchten und machen deutlich mehr Pausen, ziehen sich selbstständig zurück und schonen sich. Mit viel mehr Ruhe und Gelassenheit kommen sie schon durch das Tor herein, schnuppern langsam und bedacht, finden ihren Platz im Gewusel und machen deutlich, mit wem sie ihren Tag verbringen möchten. Manch einer strahlt so eine Ruhe und Gelassenheit, so eine Souveränität und Charakterstärke aus, dass wir jedes Mal erneut staunen. Diese Hunde haben sogar feste Rückzugsplätze, an jedem Tag, an dem sie uns besuchen. Bruno ist so einer. Mit seiner Größe, Ausstrahlung und seiner Ruhe signalisiert er den jungen Hunden meist schon ausreichend, dass ihn für ein Spiel zu gewinnen, eine große Herausforderung wird. Wenn Bruno dann einmal loslegt, dann auch gerne alleine. Dann zieht er seine Kreise durch den Sand, die Zunge hängt ihm aus seinem großen Maul, und das Laufen alleine begeistert ihn vollkommen. Für uns bedeuten die „Alteingesessenen“ dafür zu sorgen, dass sie von den Wilden nicht bedrängt werden. Ihre Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten bekommen, ohne dabei gestört zu werden. Es sind ganz andere Bedürfnisse – diese Hunde suchen den Kontakt zu uns und die Streicheleinheiten viel intensiver. Von ihnen lernen die Jungen! Und genau deshalb ist es gut, jede Altersgruppe vertreten zu haben.

Die „Kleinen“ Aufreiter

Es gibt sie, die Hunde, die immer irgendwie besonders riechen. Hündin wie Rüde, kastriert wie unkastriert. Und es gibt die kleinen Aufreiter, die das als uneingeschränkte Aufforderung sehen, diese zu besteigen. Einmal gerochen, sind sie aus diesem Verfolgungswahn selbstständig nicht mehr in der Lage, sich zu lösen.

Der liebe, ältere Horstie ist ein Hund, der für andere immer mal wieder sehr spannend riecht. Dann brauchen wir Angus. Den stellen wir vor dem „Rammler“ ab und er knurrt. Dabei hebt er die Lefze und zeigt ganz deutlich, dass das ein unerwünschtes Verhalten ist. Es ist immer wieder erstaunlich, wie Horstie zum Beispiel genau weiß, dass nicht ER gemeint ist. Sondern der Hund hinter ihm. Horstie steht einfach stoisch da. Manchmal haben wir beobachtet, wie Horstie sich in so einer Situation auch selbst geholfen hat, indem er sich einfach neben Angus stellte. Die Rammler vergessen nach der Begegnung mit Angus ganz schnell, was sie eigentlich vorhatten, müssen über den Tag verteilt aber einige Male erneut darauf hingewiesen werden. Eine Art „Erinnerung“.  

Für uns bedeutet es, insbesondere diese Hunde immer im Auge zu behalten um anderen Hunden den Stress zu ersparen, das Objekt der Begierde zu sein.

*Hinweis: Wir unterscheiden zwischen Aufreiten aus Dominanzverhalten oder Aufreiten, weil ein anderer Hund „gut riecht“. Das sind Erfahrungswerte. Dies zu unterscheiden bedeutet, die Hunde und ihr Verhalten zu kennen. Ein Aufreiten aus Dominanz wird durchaus strenger gehandhabt! Denn das schlägt gerne einmal um. Diese Hunde gehen eine gute Weile an der Leine durch die Gruppe und lernen, dass ihr Verhalten nicht erwünscht ist. Es gibt wenig Regeln in der Gruppe – aber ein anständiges Miteinander ist für die Harmonie unabdingbar. Natürlich spielen auch hormonelle Veränderungen eine Rolle. Unkastrierte Rüden neigen aber nicht zwangsläufig zu diesem Verhalten! Umgekehrt sind aber auch nicht an jedem „Aufreiten“ beim unkastrierten Rüden die Hormone „schuld“. Es muss immer der Hund als Individuum betrachtet werden. Natürlich kann es aber in Einzelfällen sein, dass wir den Eindruck haben, dass das Aufreiten hormonelle Gründe haben könnte.

Die Schüchternen

Die Schüchternen brauchen wenn sie ankommen erst ein paar Minuten, um sich einzufinden. Sie ziehen vielleicht noch die ersten Minuten den Schwanz ein wenig ein, beschwichtigen andere Hunde. Sie signalisieren ganz zu Beginn: „Ich will keinen Stress“. Nachdem alle Hunde begrüßt worden sind, legt sich die Schüchternheit und auch diese Hunde finden ihre Spielgefährten. Sie suchen neugierig, aber doch vorsichtig und spielen tendenziell eher mit ruhigeren Hunden. Sie suchen in ihrem Tun viel Bestätigung. und müssen von uns ermuntert werden, ihnen muss Mut zugesprochen werden. Oftmals sind sie ein wenig unsicher und brauchen den Zuspruch, um aufzublühen. In vielen Fällen spielen wir selbst zunächst mit den Hunden, weil sie in uns in der Regel zuerst Vertrauen fassen. Es gibt jedoch auch Hunde, da ist es genau umgekehrt! In jedem Fall hilft entweder ein Hund, oder wir als Mensch dabei, dass diese Hunde in der Gruppe ankommen und ihren Platz finden. So oder so sind bisher noch alle aufgetaut. Oreon war ein Hund, der bestimmt drei oder vier Mal zu Besuch war und immer noch recht eingeschüchtert alleine seine Kreise zog. Wir hatten den Besitzern schon ehrlich gesagt, dass wir nicht sicher seien, ob sich daran noch einmal etwas ändern würde. Sie wollten es weiter versuchen, wir stimmten zu.

Und dann kam der Tag. Eines Tages stand Oreon am Rand des Spiels und beobachtete das Treiben. Wir konnten sehen, wie er immer wieder einen Schritt vor und wieder zurück wagte. Es war, als wollte er über seinen eigenen Schatten springen, und konnte aber nicht. Wir standen neben ihm und ermunterten ihn. Irgendwann liefen wir einfach selbst auch los und plötzlich, plötzlich platzte der Knoten: Er spurtete los, zögerte nicht mehr, genoss das Spiel zum ersten Mal! Auch uns ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Wir haben uns so sehr gefreut, weil Oreon den Schritt gewagt hat und nicht enttäuscht wurde. Alle haben ihn beim Spiel herzlich aufgenommen.

Die „Einzelgänger“

Und auch die gibt es! Es gibt Hunde, die mit ihrer Nase so beschäftigt sind, dass sie sich nur zeitweise für andere Hunde interessieren. Ansonsten sind sie sehr glücklich darüber, mit ihrer Nase das ganze Gelände immer und immer wieder nach Gerüchen abzusuchen. Diese Hunde erfassen präzise jeden Artgenossen, jeden Vogel und jeden Regenwurm mit Ihrer Nase. Oft sind sie mehr am Spiel mit dem Menschen, als mit dem Hund interessiert, lassen sich aber durch die richtigen Partner durchaus auch motivieren. Bis ein neuer Geruch ihre Nase kreuzt, zumindest. Das sind nicht einmal unbedingt „Jagdhunde“ – es sind einfach Hunde, die ihre Nase gerne nutzen. Das klappt übrigens auch aus 500m Entfernung, wenn in der Küche das erste Futter zubereitet wird.

Es sind nur ein paar Typen, die wir hier zusammengetragen haben. Sie sind auch in ihrer Ganzheit nicht vollständig und differenziert darstellbar. Es sind so viele Faktoren, so viele unterschiedliche Charaktere, die zusammenspielen: Es ist unmöglich, das in Worte zu fassen. Aber selbst diese kleine Zusammenfassung zeigt, so glauben wir, eines auf: Es sind höchst unterschiedliche Bedürfnisse, die alle berücksichtigt werden müssen, sodass jeder Hund sich wohlfühlen kann. Denn nur bei Harmonie und einer guten, gemeinsamen Atmosphäre ist es uns allen möglich, einen entspannten Tag miteinander zu verbringen.

Feingefühl, Beobachtungsgabe und aber auch der Mut, rechtzeitig einzugreifen gehören ebenso dazu wie das Hundeschmusen und Bespaßen.

Tom, die uneingeschränkte Kernkompetenz

Tom hat bisher immer Glück gehabt und noch bei keinem Einschreiten einen Zahnabdruck abbekommen. Ich habe das nie geglaubt, aber es ist in der Tat so. Ich glaube, das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen erkennt er, dass eine Situation zu kippen droht früh genug und zum anderen denkt er bei seinem Handeln nicht nach. Er handelt nach seinem Instinkt und greift einfach ein. Auch Angus ist dabei natürlich eine große Hilfe.

Immer mal wieder haben wir natürlich brenzlige Situationen, einen Hund, der uns doch einmal stellt (sowohl Tom als auch mich) und dann müssen wir souverän, ruhig und autoritär sein. Dabei unterstützt uns Angus immer zu 100%.

In der Zeit, in der Tom in der Klinik war, erinnere ich mich an einen Hund, der die Situation auch als Möglichkeit angesehen hat, die Verhältnisse zu seinen Gunsten neu zu ordnen. Angus und ich haben uns aber gut behaupten können und ich war mir sicher, er würde mir immer beistehen. Auch dieser Hund durfte weiterhin kommen – ich durfte ihm nur nicht mit Angst begegnen und ich musste sicherstellen, dass er seinen Platz wiedergefunden hatte. Und, ich behielt Angus immer um mich herum. Immerhin ist das auch ein 40Kilo Prachtbursche.

Wir wissen um diese Hunde, kennen sie gut genug um zu wissen, dass wir nach kurzem Disput die Fronten wieder klarstellen können.

Es gibt aber durchaus Hunde, da winke ich ab. Das ist mir, insbesondere seit ich Mutter geworden bin, dann „zu heiß“. Tom hat das immer respektiert. Und wahrscheinlich bin ich deshalb auch bisher von Blessuren verschont geblieben.

Ich erinnere mich aber nicht an einen Hund, dem Tom sich nicht gegenüber gestellt hat. Ich habe ein paar Mal „geklemmt“. Und ich denke, auch das gehört zum „Geheimnis“ dazu: Seine Grenzen zu kennen.

Es gibt Hunde, die übersteigen meine Kompetenz! Insbesondere die Resozialisierungshunde und Hunde, die auf unangemessene Weise auf Menschen reagieren. Diese Hunde beobachte ich aus der Ferne, sehe, wie Tom mit ihnen umgeht. Tom scheint nie Angst zu haben. Ich habe ihn auch noch nie richtig nervös im Umgang mit einem schwierigen Hund erlebt. Wahrscheinlich gehört auch das dazu. „Nein“ zu sagen wenn man selbst spürt: „Es macht mich nervös“.

Naja zusammenfassend kann man sagen:

Klar, es steht jedem frei, eine Hundetagesstätte aufzumachen. Aber es soll euch gesagt sein: Es ist weit mehr, als im Schaukelstuhl 20 Hunde zu beobachten und ab und an ne Dose Shappi aufzumachen.

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